Pakistan ist omnipräsent in den Schlagzeilen dieser Welt und meist in schlechtestem Licht. Aber in den Schlagzeilen ist nie die ganze Wahrheit, denn diese ist komplex und Realität ist widersprüchlich und voller Details.

Am Anfang des Projekts stand sehr wahrscheinlich die Neugierde auf ein Land, von dem man immer hört, aber von dem man wenig weiss und der Wunsch, ihm auf eine filmische, erzählerische, undogmatische Art näher zu kommen.

Das war zumindest die anfängliche Intention, die der Film aber gleich wieder vergass, denn ganz konkret geht es um ein einziges Dorf, Mulhapar eben, in dem stetiger Alltag und volles Leben sich abspielt, in einer Gemeinschaft aus Arm und Reich, Muslimen und Christen, Jung und Alt, Frau und Mann, ein lebendiges Mosaik aus Individuen, Familien, Einzelschicksalen, Geschichten und Anekdoten, mit dem der Film ringt und sich auseinandersetzt und zu einem Ganzen zu verdichten sucht– zur kohärenten filmischen Narration – zu einem exemplarischen Mikrokosmos, der vielleicht für Pakistan steht, aber vielmehr noch – inch’allah! – für menschliches Sein schlechthin.

Dokumentarfilme, wie ich sie verstehe, versuchen die Realität zu fiktionalisieren, durch Stimmungen, Atmosphären, durch die Montage, durch ein episches Tempo. Dadurch stellt sich dann vielleicht Universalität her, aber nur vielleicht. Ist man zu programmatisch unterwegs, stellt man sich unter das Joch eines dominierenden Themas, wird man unfrei und so werden es auch die Filmfiguren. Die Figuren eines Filmes, Spiel- oder Dokumentarfilms, sollten für nichts stehen, sie müssen sich nicht in den Dienst einer Sache oder Idee stellen und die intentionale Bürde des Regisseurs mit sich rumschleppen – sie sollen sich selbst sein.

In MULHAPAR soll sich für den westlichen Zuschauer nicht die Fremdheit erschliessen, sondern er sollte sich fragen:  Ist das bei uns nicht genau so? Und: Was wird aus Marvi, dem Wildfang, wenn sie 18 ist? Und sicher auch: ist das jetzt Pakistan?

Man wird sich vielleicht noch fragen, wie ich auf dieses Projekt gestossen bin: Es hat sich so ergeben. Mein letzter Film DER ITALIENER spielte in einer Pizzeria und einer der Pizzaioli stammt aus dem Dorf dieses Films, Mulhapar. Er nahm mich mit in sein Dorf.

So nahmen die Dinge ihren Lauf.